Sonnenanbeterin Sarah
"Ich lebe in der Welt - aber ich gehöre ihr nicht."

Ich habe gerade den Nachlass meiner Mama sortiert.. Naja, was heißt sortiert.. Ich habe es mal ordentlich weggetan.. Ich weiß sowieso nicht, was ich wegschmeißen kann und was nicht, also behalte ich erst einmal alles. Als ich ihren Kamm in der Hand hatte, da hab ich auf einmal angefangen zu weinen und saß erst einmal da und hab diesen Kamm angestarrt.. Es ist einfach nur ein Kamm, aber es ist *ihr* Kamm..

Dann ist mir der Text der Grabrednerin in die Hände gefallen und ich hab mir gedacht, dass ich euch das mal zeige.. War nämlich wirklich toll und er passt sehr.

„Ich begrüße Sie herzlich zur Beisetzung von Kathy. Kathys Körper, ihre Seele hat sich längst auf den Weg gemacht – nach Haus…

Sie kannte den Weg, da bin ich sicher. Sie war in der Welt – und hat ihr nicht gehört. Da war, so ging es mir, als wir zusammengesessen haben am Samstag, Unabhängigkeit. Sie hat sich Unabhängigkeit bewahrt – oder immer mehr auch dafür gesorgt, dass sie sie leben kann. Die war ja in ihr. Sie hat sich nicht verstrickt in den Kreislauf von Geld, Macht und Habenwollen – im Gegenteil. Sie ist richtig glücklich gewesen, dass sie sich wieder reduzieren konnte. Dass sie wieder näher dran war auch in ihrem äußeren Leben an dem, was ihr wichtig war. In ihr war das sowieso so.

Sie (die Rednerin schaute meine Oma an) sind mal, das hat mich auch begleitet durch die letzten Tage, mit ihr in Knoops Park gewesen – Kathy mochte immer gern draußen unterwegs sein – und haben dort die Villen angeguckt ein bisschen – und sich vorgestellt, wie es wäre dort zu wohnen – für sie wäre das nichts gewesen, sie hätte sich gefreut über das kleine Häuschen hier ganz in der Nähe, sie brauchte das alles nicht. Nicht die Bindung, nicht die Abhängigkeit, nicht die Angst, die man womöglich hat, weil man denkt, jetzt wird es einem wieder genommen, es war nicht wichtig. Ihr hätte es gereicht und sie hat sich danach gesehnt, so zu leben: Ein Teller, eine Tasse, eine Feuerstelle, ein kleines Hexenhaus… Sie war in der Welt – und nicht von der Welt.

Und sie ist hineingeboren in eine Familie, in der genau das ein hoher Wert ist.

Kathy war willkommen. Sie haben sie geliebt – sich gefreut, dass es sie gibt – und vieles von sich in ihr wiedererkannt – das Band war eng – und bleibt es ja auch. Sie konnten so viel mit ihr teilen. Vor etlichen Jahren haben Sie das Stück Land zusammen gehabt, ein großes Stück Land, zugewachsen mit Brombeeren. Da haben Sie sich durchgearbeitet, wochenlang – darunter kam ein Paradies zum Vorschein, viele alte Obstbäume, der umgestürzte Baum, der zu blühen begann, Sie haben diesen Ort zum Leben erweckt, noch mal anders - und ihn mit so viel Respekt behandelt. Das war auch etwas, was Sie sehr verbunden hat, der Respekt vor der Natur, die tiefe Liebe zur Natur, eine Verbundenheit, die keine Grenzen kennt und die Grenzen wahrt – beides.

Sie war Ihr viertes Kind. Fritz, Frank, Susanne, Cornelia, Merle – ihre Geschwister, Kathy mittendrin. Ein Strahlekind haben Sie sie genannt, sie war immer zufrieden mit allem, auch damals war das so, es blieb so. Weihnachten, es ging ärmlich zu, bekam sie mal eine selbst genähte Puppe geschenkt – was hat sie sich darüber gefreut. Sie ist ihren Weg gegangen, offen und neugierig im schönen Sinn. Hat sich dem Leben zugewandt. Früher war sie mehr in der Welt, haben Sie erzählt, ich glaube, es ist ein Weg, zu erkennen, sich daran zu erinnern, dass wir nicht von der Welt sind, dass wir der Welt nicht gehören. Nach und nach ist vieles wieder unwichtiger geworden.

Sie hat sich Kinder gewünscht und sich darauf eingestellt, dass dieser Wunsch sich nicht erfüllt. Das war schwer – das war richtig eine Krise. Dann kamt ihr, Sarah und David, ihre Wunderkinder hat sie euch genannt, ihr Herz seid ihr gewesen – so viel Liebe. So viel Ermutigung, so viel Stärkung. Sie haben Fotos gesammelt und sie mir gezeigt am Samstag – Fotos durch ihr Leben – da gibt es auch die, die sie zeigen mit Euch – und die ihr Glück zeigen. Ein Glück, das in ihrem Herzen war. Ihr habt viel von ihr gelernt, sie hat das, was sie wusste, an Euch weitergegeben – eben auch das Wissen – wir sind in der Welt und gehören ihr nicht.

Da war Unabhängigkeit. Die Tür war jedem offen. Wie vielen Menschen hat sie im Laufe ihres Lebens Unterschlupf gegeben – in der Not geholfen. Sie war hilfsbereit.

Und entschieden, irgendwann, sich nicht zu verwickeln, sie hat sich sehr genau mit Schicksalen auseinandergesetzt, hat ganz genau auch ihre eigene Geschichte angeschaut, das, was ihr passiert ist, mit den Menschen, die ihr begegnet sind, hat Sinn gesucht und Antworten gefunden und ist weitergegangen, ihren ganz eigenen Weg. Sie hat das Gute gesehen und ihre Abneigungen gelebt. Wenn sie jemanden nicht mochte, merkte man das auch. Sie konnte unglaublich schnell, auf den ersten Blick im Grunde, Menschen einschätzen. In das Herz sehen, glaube ich, das war eine besondere Gabe von ihr.

Und sie war eigen – ihr ist es immer mehr egal gewesen, wie andere über sie dachten. Nicht jeder kam damit klar. Sie war sensibel – und konnte auch grob sein, auf den Tisch hauen, andere auf den Pott setzen. Die Wahrheit sagen, auch wenn es unbequem war. Materielle Reichtümer hat sie nicht angesammelt, das war nicht wichtig. Sie hat Menschen geholfen – auch in der Zeit als Altenpflegerin, sie hat mit Putzstellen ihr Geld mühsam verdient und ihre Unabhängigkeit einigermaßen gewahrt.

Sie wusste um so viele Dinge zwischen Himmel und Erde. Hat es immer mal wieder deutlich gespürt, wenn jemand, der ihr Nahe war, gegangen ist – ihr bester Freund, ein Seelenverwandter – als er starb, hat sie es gewusst, ihre Oma, sie hat sie ganz intensiv begleitet.. Als sie sich auf den Weg gemacht hat, war es ihr klar.

Auch bei sich wird sie es gewusst haben – ich glaube es hat ihr keine Angst gemacht.

Sie wusste, wie es um sie steht. Sie haben von ihrer Krankheit gewusst, nicht um ihren Zustand. Von den Metastasen hat sie nichts erzählt. Ihr war es klar, dass sie nicht gesund werden kann. Mit ihrem Stiefvater hat sie sich ausgetauscht über ihre Krankheit, die beiden hatten dasselbe – sie haben sich gegenseitig Mut gemacht. Er ist so, so schwer von der Welt gekommen und sie hat sich gewünscht, dass sie leichter gehen kann als Ali.

Es konnte so sein.

Sie ist nah geblieben.

Und Sie vermissen Sie so sehr. Die Gespräche, ihre Nähe, ihre Wärme, sie war doch noch so jung.

Ja und nein. Ihre Seele ist alt. So wie Ihre. Sie werden sich wiederbegegnen.“
13.6.08 17:23
 
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