Sonnenanbeterin Sarah
Teil 2

Was für Gedanken gehen einem dabei durch den Kopf? Ich denke, man kann es nicht in Worte fassen. Wie ich ihn fand? Naja, mein Traummann war er nicht.. Er schaute etwas dumm aus der Wäsche. Ich schrieb es seiner Unsicherheit zu. Und jetzt? Was tut man so beim ersten Treffen? Wollte ich ihn nicht lieber wieder direkt in den Zug setzen? „Tschüss, komm nie wieder!“ .. Stattdessen sagte ich einfach nur schlicht: „Hi“ .. Er ebenso. Schweigen. Ich hielt das nicht aus. Ich nahm einfach seine Hand und zerrte ihn auf Gleis 5. Das Gleis nach Hause. Der Zug, der mich nach Hause bringt. Will ich ihn in mein Zuhause lassen? Nunja, fürs Zurückschicken war es jetzt zu spät, oder nicht? Kann man einem Menschen so weh tun? Wir saßen also im Zug zu mir nach Haus. Ich saß am Fenster. Er direkt neben mir. Er starrte mich an. Ich starrte aus dem Fenster. Könnte ich mich nur durchs Fenster beamen, mich einfach in Luft auflösen. Puff! Einfach weg sein.
Nein Sarah, das kann man nicht und du stehst das durch. Dieses endlose Schweigen, das einen fast taub macht. Bitte sag doch etwas! Nur ein Wort und starr mich nicht so an! Das Fenster schien so schön kühl, ich hätte mich am liebsten dort angelehnt und wäre eingeschlafen und erst mal nicht mehr aufgewacht. Alles geht irgendwie vorüber. Du hast ihn zu dir eingeladen und du ziehst das jetzt durch.
Ich wagte einen Blick zu ihm hinüber. Auf seine Hände, die auf seinen Beinen ruhten. Dreckige Fingernägel.
Wie lange dauert so eine Fahrt eigentlich?! Sie schien mir endlos. Dann endlich die Durchsage des richtigen Bahnhofs. Bloß raus hier! Ich sprang so schnell auf, dass ich mir den Kopf an der Hutablage stieß. Na prima. Er versuchte sofort, Körperkontakt zu mir herzustellen, indem er mir die Stelle am Kopf rieb.
„Alles okay, wir müssen hier raus“, sagte ich und machte mich auf den Weg zur Tür.
Wenn ich heute darüber nachdenke, erinnere ich mich kaum noch an den Weg nach Hause. Also vom Zug in den Bus und von der Bushaltestelle nach Hause.
Aber mein erster Weg führte nicht nach Haus. Ich ging zur Mutter meines Patenkindes. Sie war kommunikativer als meine Mutter, sie würde mich etwas entlasten. Dort saßen wir auf dem Sofa und er legte seine Hand auf mein Bein. Komisches Gefühl. Und was mach ich nun? Weiterquatschen. Zuhören. Lächeln und nicken. Ja, das hilft. Aber seine Hand rückte immer weiter hoch am Bein. Ich saß da ziemlich erstarrt. Das war alles so schnell, viel zu schnell. Ich wollte nach Hause und nur noch schlafen. Wir verabschiedeten uns und gingen zwei Häuser weiter zu mir nach Haus. Es war schon recht spät. Den Freund der Mutter vorstellen, wie funktioniert so etwas? In dem Moment schwor ich mir, nie wieder einen Partner zuerst zu mir nach Hause zu bringen. Und schon gar nicht, sollte ich ihn im Internet kennen lernen. Ich war ziemlich schweigsam. Irgendwie brachte ich diesen Abend dazu, endlich vorüber zu gehen. Ich putzte mir die Zähne und ging zu Bett. Er lag neben mir, er hatte sich auch die Zähne geputzt. Ich hatte das Gefühl, er hat es nur getan, weil ich es getan habe.
War das so ein unhygienischer Mensch, der mich anekelt? Irgendwie lebte ich wie in Trance. Er legte seine Stirn an meine Stirn und küsste mich. Mein erster Kuss. Ja, ich war eine Ja-Sagerin. Eine verdammte Ja-Sagerin. Ich ließ es einfach geschehen.
Irgendwann schlief ich ein. Aber es war kein richtiger Schlaf. Anstrengend. Schweißtreibend. Angstvoll. Aber auch neugierig. Fantasievoll und neuartig. Da liegt jemand neben mir, der zu mir gehört. Oder zu mir gehören will. Will ich das auch?

Ich merkte, wie meine Mutter und mein Bruder ständig in mein Zimmer kamen und nach mir sahen. Ich hatte keinen Schlüssel für meine Tür. Es störte mich. Wo blieb meine Privatsphäre? Für Mädchen in meinem Alter ist es noch mal sehr viel wichtiger, als für andere Altersgruppen. Vor allem, wenn man nächtlichen Besuch hat. Aber ich war auch froh, dass ich das Gefühl haben konnte, dass sofort jemand zu mir kommen kann, wann immer ich danach rufe. Ich beschloss, diese Tage vergehen zu lassen, irgendwie. Ich war mir schon sehr sicher, dass er nichts für mich ist, aber diese Tage wollte ich jetzt ‚durchziehen’. Ich hatte nicht den Mut, ihm zu sagen, was ich wirklich fühlte. Dass er mich anekelte, dass seine Fingernägel dreckig seien, dass er mal wieder zum Zahnarzt gehen soll. Oder einfach mal duschen sollte. Sogar seine leicht kahlen Haaransätze störten mich. Jeder Pickel war für mich ein Grund, ihn aus dem Haus zu schmeißen. Wir gingen in die Stadt, zu meiner Patentante.. Ja ich beschloss sogar, mit ihm in die Disco zu gehen! Zusammen mit der Mutter meines Patenkindes. Sie stylte mich so richtig auf. Ich schminkte mich sonst nie. Es war das erste Mal, dass ich in eine Disco ging. Und ich war froh über die Möglichkeit, mich nicht viel mit ihm beschäftigen zu müssen. Laute Musik, tanzen. Okay. Ich musste mich schon mal nicht mit ihm unterhalten. Ich fühlte mich sogar recht hübsch. Er himmelte mich an. So sehr, dass es mir schon unangenehm war. Alles was ich machte, schien ihn zu begeistern. Wirklich jede Bewegung, jedes Wort, jede Tätigkeit. Ich fühlte mich beobachtet. Und er schien alle männlichen Menschen in meiner Umgebung nachzuahmen.
Das erste, was ich von meinem Bruder hörte, als Roman zu besuch war.. Roman hatte sich einfach das Ladegerät meines Bruder geschnappt, ohne zu fragen. Er war einfach in sein Zimmer gegangen und sich dieses blöde Ladegerät genommen. Das war ziemlich dreist, es hat mich sehr gestört. Ich fing an, ihn immer weniger zu mögen. Ich sehnte den Sonntag herbei. So sehr hatte ich mich noch nie auf einen Sonntag gefreut.
Als wir einmal alleine in der Wohnung waren, fing er an, mich auszuziehen. Ich spielte mit. Ja, ich spielte mit. Ich bin eine Ja-Sagerin gewesen und ich schäme mich heute dafür. Er war auch nackt, ich habe ihn nicht angesehen. Es hat mich angeekelt. Es war für mich eine Erlösung, als ich den Schlüssel meiner Mutter im Schloss hörte und das ganze sofort abbrach, schnell meine Sachen anzog und ins Wohnzimmer ging. So, als wenn nichts gewesen wäre. Zum Glück. Wäre mehr passiert, ich hätte es mir sicher nie verziehen...
Sonntag Mittag brachte ich ihn zum Zug. Ich plante alles so, dass wir nicht allzu lange am Bahnhof stehen und warten müssen. Er stieg in den Zug ein, die Türen gingen zu. Ich ging sofort zu meinem Gleis, ohne darauf zu warten, dass der Zug abfuhr.

Endlich wieder allein. Für mich allein. Ganz allein. Die Stille war wohltuend, wie Balsam legte sie sich um mich. Ich fühlte mich stark, ich hatte es überstanden. Aber wie sollte es nun weitergehen? Schließlich hatte ich ihm noch nicht gesagt, dass ich nicht mit ihm zusammen sein will. Ich war auch sehr verwirrt und habe auch nicht an so etwas gedacht.. Stattdessen schrieb ich ihm eine SMS und sagte ihm, dass es ein tolles Wochenende war.. Heute frage ich mich, wieso er nicht gesehen hat, dass ich mich nicht gut fühle? So etwas kann man doch nicht übersehen..? Aber er kannte mich ja nicht, wie sollte er da wissen, wie mein normales Verhalten war?

Erst mal war ich ihn los. Irgendwie würde es schon weitergehen..
15.2.07 19:41
 
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